Erschienen im Verlag Günter Perkams
von Rainer Engberding
"Die Kannebäcker"
der Roman zum Musical
Die Vorstellung des Buches mit einzelnen Szenen aus dem Musical findet am Freitag, den 4. Juni 2010 um 19.00 Uhr im Drehwerk Adendorf statt. Der Eintritt ist frei. Sie sind herzlich eingeladen. Es wird Reservierung unter Tel. 02225-708 17 19 empfohlen.

Das Buch ist erhältlich bei
- BücherBrüssel, Meckenheim
- Buchhandlung John, Meckenheim
- Buchhandlung Kayser, Rheinbach
- Buchhandlung Riesenkönig, Rheinbach
- Tabak-Börse, Adendorf
- Töpferei Corzelius, Adendorf
- Töpferei Hansen, Adendorf
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- Bücher-Bosch, Bad Godesberg
- Buchhandlung Reuffel, Höhr-Grenzhausen
- Fachbuchhandlung Helmut Ecker, Höhr-Grenzhausen
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Hier eine Leseprobe:
Die drei Reiter, die den Hillscheider Bach entlang ritten, trugen lange Umhänge, um sich vor dem feinen Nieselregen zu schützen. Seit Stunden drängten die feinen Tröpfchen durch jeden Schlitz und jede Pore der Kleidung und machten die Hände und Finger kalt und klamm. Der Weg war stellenweise so stark aufgeweicht, dass sie immer wieder den Bach queren mussten, um auf halbwegs festen Boden zu gelangen. Die Hufe der Pferde gruben sich tief in den Morast und warfen nasse Brocken nach hinten. Sie ritten schweigend hintereinander, zielstrebig, als würden sie nicht zum ersten mal diesen Weg nehmen. Xaver Wetting hatte vorgeschlagen, den Umweg über Hillscheid zu machen, obwohl der Weg viel weiter war und in einem jämmerlichen Zustand. Wetting war für die Sicherheit der kleinen Gruppe verantwortlich, und er hatte gestern Abend in der Dorfschenke erfahren, dass sich ein paar üble Burchen auf den Weg gemacht hatten, um ihnen aufzulauern. Dabei führten sie außer den Pferden und dem allernötigsten Gepäck keinerlei Kostbarkeiten mit sich, die es wert gewesen wären, einen Überfall zu riskieren. Aber seit den kriegerischen Auseinandersetzungen, in die halb Europa verwickelt zu sein schien, gab es immer wieder marodierende Söldnerscharen, die die Gegend unsicher machten und für wenig Geld zu allem bereit waren. Und da gab es im südlichen Westerwald so manchen Zunftmeister, der ihnen übel gesonnen war. Der Umweg über Hillscheid hatte sie bestimmt drei Stunden gekostet. Wenn sie von Höhr den direkten Weg nach Vallendar genommen hätten, dann wären sie bestimmt schon an der Fähre, wenn, ja wenn sie es überhaupt bis dahin geschafft hätten.
Wetting ritt als erster. Immer wieder hielt er an und gab seinen Begleitern Zeichen, stehen zu bleiben. Den Weg kannte er wie im Schlaf, doch er wollte hören, ob ihnen jemand folgte. Die beiden Gefährten hielten dann ängstlich den Atem an, und waren froh, wenn sie den Weg fortsetzen konnten. Der zweite Reiter war von der Statur viel schmächtiger als Wetting, und doch war er der Anführer der Gruppe. Sein Umhang war schwarz wie der der anderen, doch blitzte darunter hin und wieder der Brokatbesatz einer Jacke auf, wie sie nicht von Bauern und Handwerkern getragen wird, und auf dem Kopf trug er weit in die Stirn gezogen einen Dreispitz mit goldener Borte. Anders als der Mann an der Spitze war Ernst Dercum unbewaffnet. Er hätte im Gegensatz zu Wetting auch nicht mit einer schweren Muskete umgehen können. Er war eher ein Mann der Feder und der geschliffenen Worte. Raufereien lagen ihm fern, allerdings auch körperliche Arbeit, die er gerne anderen überließ.
„In einer Stunde haben wir es geschafft, Herr Dercum, dann haben wir den Wald hinter uns.“ Wetting hatte eine tiefe Stimme, die zu seiner hünenhaften Statur passte. Wenn er sich ängstigte, so ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. Neben der Muskete, die er quer über den Rücken geschnallt hatte, trug er unter seinem Umhang sorgsam vor Nässe geschützt zwei Pistolen, von denen mindestens eine geladen war. Er hatte sich freiwillig der Mission des Amtmanns angeschlossen, weil er die Gegend wie seine Satteltasche kannte und – wenn er sich selber gegenüber ehrlich war – um den Nachstellungen der drallen Müllerstochter Evchen zu entgehen. Evchen folgte ihm wie eine Klette, und der Vater, der mit fünf ähnlich füllig gestalteten Töchtern geschlagen war, die ihm allesamt das Haar auf dem Kopf wegfraßen, suchte nach einem Schwiegersohn, dem er die schweren Arbeiten in der Mühle auflasten konnte. Wetting sah sich schon schwere Mehlsäcke schleppen und fünf keifende Weiber, die ihn zur Eile antrieben.
„Gibt den Pferden mehr Zügel, Kalle!“, ermahnte er den dritten. Der war für die beiden Packpferde zuständig, die hinter ihm her trotteten. Kalle – seinen richtigen Namen wusste er wahrscheinlich selber nicht – diente dem Grafen schon seit vielen Jahren. Er schleppte das Futter für die Pferde herbei und war zuständig für alle Arbeiten, die kein großes Nachdenken erforderten. Er tat seine Arbeit, ohne zu murren, und galt als schweigsam, obwohl ihn Wetting schon öfter mal ein Lied hatte summen hören. Jetzt summte er gerade mal nicht, sondern hatte alle Mühe, mit seinen beiden Packpferden den vorauseilenden Reitern zu folgen. Seit Hillscheid waren sie keiner Menschenseele begegnet, was bei diesem Wetter nicht verwunderlich war. Wer es sich leisten konnte, blieb zu Hause in der trockenen Stube. Wetting schaute sich mehrfach verstohlen nach dem Amtmann um. Der machte ein reichlich gequältes Gesicht. Das lag sicherlich nicht an den Verhandlungen, die zu seiner größten Zufriedenheit abgelaufen waren, sondern eher an dem langen Ritt, der für den Verwalter des Grafen sehr anstrengend, wenn nicht an empfindlichen Körperregionen sogar höchst schmerzhaft war. Dercum zog es vor, in seinem stillen Kontor zu sitzen oder zumindest in einer bequemen Kutsche zu reisen. Aber die Straßen und Wege im Kannenbäckerland waren – wir haben es schon gehört – in keinem guten Zustand, und da kam man zu Pferde halt besser voran.
Ein letztes Mal hielten sie inne, bevor sie aus dem schützenden Wald traten. In der Ferne konnte man bereits die Anlegestelle der Fähre erkennen und das kleine hölzerne Fährhaus.
„Wartet hier! Ich schau nach, ob die Luft rein ist.“ Wetting war vom Pferd gestiegen und drückte dem Kalle die Zügel in die Hand. Dann hatte ihn auch schon der feine Niesel verschluckt. Dercum fand die Vorsichtsmaßnahmen seines bewaffneten Begleiters ein wenig übertrieben, doch je länger dieser ausblieb, desto mehr beschlich den Amtmann ein ungutes Gefühl. Seine Hand tastete unter den Rock und umkrampfte die Schriftrolle, die er direkt über dem Hemd trug. Es war der Vertrag, weswegen er die beschwerliche Reise auf sich genommen hatte. Ein Vertrag, der dem Reichsgrafen so wichtig gewesen war und der für viele seiner Untertanen Brot und Wohlstand bringen sollte. Dercum konnte zurecht stolz sein. Er hatte gut verhandelt. Für seinen Herrn gab es kein Risiko. Er konnte eigentlich nur noch gewinnen. Wo blieb nur dieser Wetting!
Wie auf ein Stichwort raschelte es im Unterholz. Dercum zuckte zusammen und war heilfroh, als er seinen Begleiter erkannte. „Ihr haben mir aber einen ganz schönen Schrecken eingejagt!“, sagte er vorwurfsvoll. „Konntet Ihr etwas feststellen?“
„Die Luft ist rein, Herr Amtmann. Aber wir sollten uns beeilen, damit wir die freie Fläche schnell überbrücken. Der Fährmann ist schon zum Ablegen bereit.“
Und dann ging es im gestreckten Galopp die zwei, drei Meilen bis zum Flussufer. Dercum fluchte laut vor Schmerzen im Allerwertesten, und Kalle trieb mit lautem Rufen die Packpferde an. Wetting bildete die Nachhut, eine schussbereite Pistole in der Rechten, während er gekonnt mit der anderen Hand sein Pferd lenkte.
„Ist der Teufel hinter euch her?“, wollte der Fährmann wissen und half beim Verladen der Pferde. Er legte erst ab, nachdem ihm Dercum den Fährlohn ausgezahlt hatte. Mit Fahrgästen, die ihm den Lohn schuldig blieben, hatte er schon reichlich Erfahrungen gemacht. Umbordeter Dreispitz hin oder her!
Die Treidelfähre schob sich langsam über die Laach. Das Wasser des Rheins hatte hier fast keine Strömung. Es gluckste an der Bordwand, und man merkte kaum, dass man sich fortbewegte. Doch die Bäume und Büsche auf der Insel Niederwerth nahmen immer deutlicher Gestalt an, und dann knirschte der Sand unter dem breiten Nachen. Ein letzter Blick auf das Ufer von Vallendar, das sie gerade glücklich verlassen hatten: es waren keine meuchelnden Gesellen zu sehen. Wetting wird wohl ein wenig übertrieben haben, um sich wichtig zu machen.
„Auf der anderen Seite der Insel werdet Ihr Probleme haben“, meinte der Fährmann leichthin. „Die Sicht auf dem Rhein ist ziemlich mies, und schließlich seid Ihr auch noch sehr spät dran.“
„Das lasst mal unsere Sorge sein, guter Mann!“, wies ihn Dercum zurecht.
Sie schauten der Treidelfähre nach, die wieder nach Vallendar übersetzte, und machten sich - die Pferde am Zügel führend - zu Fuß auf den Weg zum westlichen Ufer der Insel. Dort allerdings wurde ihnen schnell klar, was der Fährmann gemeint hatte. Über dem Rhein hing eine dichte Wolke. Vom Wallersheimer Ufer war nichts zu sehen, geschweige denn eine Fähre oder ein Licht, das die Anlegestelle kennzeichnete, wie es Vorschrift war.
„Fährmann, hol über!“, rief Wetting mit der ganzen Kraft seiner Stimme. Er hatte seine Hände zu einem Trichter geformt, um seinem Rufen eine größere Tragweite zu geben, aber alle Geräusche wurden von dem Nebel verschluckt.
„Na, das kann ja heiter werden!“, meinte der Amtmann sarkastisch. „Wir werden uns auf eine längere Wartezeit gefasst machen müssen. Kalle, was haben wir noch im Proviantsack?“
*
Krachend fuhr der schwere Holzhammer auf den Tonbrocken nieder, der von dem Aufprall in drei Stücke auseinanderbrach. Doch die Stücke waren noch zu groß. Ein zweiter, dritter und vierter Schlag teilte sie erneut, bis nur noch faustgroße Brocken übrig blieben. Johannes hob sie mit einer Schaufel auf und warf sie in die Kaul, einen riesigen Steintrog, der so groß war, dass er ihn allein niemals hätte tragen können. Es würde einen halben Tag dauern, bis die Kaul mit genügend Ton gefüllt war, der die richtige Stückgröße zum Sumpfen hatte. Immer wieder musste Hannes die luftgetrockneten Tonbrocken, von denen er gerade zwei auf einmal tragen konnte, aus dem offenen Schuppen im hinteren Teil des Hofs heranschleppen, um sie mit dem schweren Hammer zu bearbeiten. Daneben hatte er den Ton aufgestapelt, der erst gestern geliefert worden war. Hannes musste trotz seiner schweißtreibenden Arbeit grinsen, als er daran dachte, wie sich der Euler und der Spediteur in die Haare geraten waren. Caspar Thorwald, dem die Eulerei gehörte, war als hochgradig geizig bekannt. Er brach von jedem zehnten Brocken ein kleines Stückchen ab und kaute darauf herum. Angeblich knirschte Sand zwischen seinen Zähnen. Der Ton wäre minderwertige magere „Ääd“ und den vereinbarten Preis nicht wehrt. Josef Kaas wiederum behauptete, er habe nur beste Ääd aus den Höhrer Löchern angeliefert, und bestand auf den Handel. Wenn Johannes nicht gewesen wäre, währen die beiden Streithähne noch mit Schaufel und Salzlöffel aufeinander losgegangen. Aber der kräftige Hannes hatte sich dazwischengestellt und die beiden Streithähne getrennt. Letztlich hatte sich Thorwald mit einer empfindlichen Preisminderung durchgesetzt, denn schließlich hatte er auch noch das Amt des Sendschöffen inne und saß in jedem Fall am längeren Hebel. Dem Hannes war er wegen seines Dazwischentretens noch nicht einmal gram, hatte er doch erreicht, was er wollte.
Die Arbeit im Tonschuppen, das Zerbröseln des Tons mit dem Hammer und das Sumpfen in der Kaul waren für Hannes Arbeiten, für die er sich nicht gerade begeistern konnte. Es waren stupide Tätigkeiten, die jeder Handlanger mit dem Verstand eines Göpelochsen hätte ausüben können. Johannes wollte mal ein richtiger Töpfer werden wie sein Bruder Peter, der in der Eulerei Merkelbach in Baumbach als Wirker arbeitete. Hannes hatte in seiner Kindheit oft genug den Drehern in der Wirkstube über die Schultern geschaut, und sein Bruder hatte ihn einige Male an die Scheibe gelassen. Hannes hatte schnell den richtigen Griff gefunden, den Druck mit den Fingern der rechten Hand auf die Innenwand des Gefäßes gegen das Drehholz, das im richtigen Winkel angesetzt werden musste. Freilich hatte er viel länger gebraucht, um einen Topf hochzuziehen, als sein Bruder, und er hatte niemals das rechte Maß getroffen. Meistens waren die Töpfe zu klein, hin und wieder auch zu groß geraten, doch niemals hatten sie die gewünschte vorgeschriebene Größe. Aber das würde er auch noch lernen, da war sich Hannes sicher. Doch wo sollte er das Wirken richtig lernen, wo doch in ganz Höhr keine Stelle als Wirker zu bekommen war? Wenn etwas frei wurde, dann besetzten die Euler die Drehscheiben mit ihren eigenen Leuten und achteten darauf, dass Emporkömmlinge wie die Gerhards keine Chance bekamen.
Johannes konnte sich an seinen Vater kaum mehr erinnern. Heinrich Gerhards hatte sein ganzes bescheidenes Vermögen zusammengelegt, um eine Abbaulizenz in den Hörer Löchern zu erwerben, die eigentlich zur Gemarkung Vallendar gehörten. Der Schultheiß in Vallendar ließ sich die bekannte Qualität der fetten Ääd aus den Hörer Löchern mit ebenso fetten Gulden bezahlen, von denen der eine oder der andere sicherlich auch in die private Tasche wanderte. Die Lizenz bezog sich nur auf den Tonabbau unter der Erde, nicht auf die Bewirtschaftung des Bodens, der an einen Bauern aus Vallendar verpachtet war. Also trieb man Schächte senkrecht in die Erde hinein, bis man auf abbauwürdigen Ton stieß, und grub dann in die Breite, so dass die Grube die Form einer Glocke annahm. Heinrich Gerhards hatte gerade den aufgenommenen Kredit abbezahlt, als die südliche Wand der Glocke nachgab und den Mann unter sich begrub. Die Männer in den benachbarten Löchern waren zu sehr mit ihrer eigenen Arbeit beschäftigt, so dass der Einsturz der Grube viel zu spät bemerkt wurde. Gerhards konnte zwar noch lebend geborgen werden, doch er verstarb zwei Tage später höchst qualvoll, weil die Erdmassen den Brustkorb eingedrückt hatten. Peter hatte nie daran geglaubt, dass die Glocke von alleine eingestürzt war. Sein Vater war immer sehr vorsichtig gewesen und hatte die Wände der Grube während der Arbeit unter ständiger Beobachtung. Aber es gab keinen Hinweis darauf, dass jemand bei dem Unglück nachgeholfen hätte.
Wenn Johannes versuchte, sich an seinen Vater zu erinnern, so hatte er immer wieder das Bild der Beerdigung vor Augen, als sein Bruder Peter mit dem Josef Kaas und zwei Gesellen vom Euler Merkelbach den Sarg auf den Friedhof neben der Antoniuskirche getragen hatten. Peter war wesentlich älter als Johannes und nahm von da an die Vaterstelle an dem damals Vierjährigen wahr.
Er war gerade dabei, den dritten Eimer Wasser in die Kaul zu leeren, als er schon wieder einen heftigen Streit im Hof hörte. Diesmal war es aber nicht das gewohnte Geplänkel mit dem Tonlieferanten, das augenscheinlich zu den üblichen Geschäftsgebaren seines Meisters gehörte, sondern der Euler schien wirklich in Schwierigkeiten zu stecken. Zwei üble Burschen setzten dem Meister bedrohlich zu. Der eine hatte gar ein Messer gezückt, das wie ein Seitengewehr aussah. Johannes glaubte, die beiden schon einmal im Ort gesehen zu haben. Sie trugen arg verschlissene und verdreckte Uniformröcke, deren Regimentszugehörigkeit man schon nicht mehr erkennen konnte. Der Stöckerwirt hatte sie mit Hilfe einiger beherzter Gäste schon zweimal mit Gewalt aus seiner Wirtschaft befördern müssen, und der Bauer vom Wiesenhof vermisste anschließend zwei Hühner und ein Mastschwein.
„Die sind uns durch die Lappen gegangen“, hörte Johannes den älteren der beiden sagen, „und außerdem habt Ihr uns verschwiegen, dass einer bis an die Zähne bewaffnet war.“ Das Bajonett zeigte mit der Spitze auf den Hals des Eulers. „Also was ist mit dem Zaster?“
„Braucht ihr Hilfe, Meister?“ Johannes schwang den Spaten, mit dem er den Ton aus der Kaul zu stechen pflegte, wie ein Schwert um sein Haupt. Die beiden Fremden wichen zurück. Sie blickten sich kurz an, drehten sich um und waren wie der Blitz durch das offene Hoftor verschwunden.
„Ich habe dich nicht gerufen, Hannes. Mit den beiden wäre ich auch schon alleine fertig geworden.“ Thorwald schlotterte mit beiden Knien, und dennoch war es ihm offenbar nicht recht, dass der junge Gerhards Zeuge der Auseinandersetzung geworden war.
„Was wollten die beiden Soldaten?“ fragte Johannes dennoch.
„Das geht dich nichts an. Sieh zu, dass du die Kaul heute noch fertig machst, damit die Masse heute nacht mauken kann. Und wag es ja nicht, beim Glockenschlag den Eimer und den Spaten fallen zu lassen!“
Und so kam es, dass Johannes erst bei seinem Bruder eintraf, als Anna Maria das Abendessen schon abräumen wollte.
*
Peter amüsierte sich jedes Mal, wenn sein ungestümer Bruder voller Enthusiasmus von seinen täglichen Abenteuern berichtete, die er phantasievoll auszuschmücken pflegte. Doch diesmal hörte er ihm gebannt zu. Ja, auch in Baumbach waren Soldaten gesichtet worden. Sie gehörten vermutlich einem versprengten Haufen der Grenadiere der Württemberger an, die auf Seiten der Sachsen für Friedrich August die Thronfolge in Wien beanspruchten.
„Ich fürchte ich weiß, worum es in dem Streit zwischen Thorwald und den Soldaten ging“, sagte Peter Gerhards nachdenklich. „Komm mit in die Stube! Ich habe ohnehin etwas wichtiges mit dir zu besprechen.“
Peter tat sehr feierlich, und Johannes bekam unweigerlich das Gefühl, dass sich Ereignisse ankündigten, die einen wichtigen Einschnitt in seinem Leben bedeuten sollten.
„Dein Bericht von den beiden Soldaten hat mich in große Sorge versetzt. Andererseits scheint der Plan Thorwalds und seiner Zunftbrüder nicht aufgegangen zu sein. Der Hinterhalt, den er Dercum legen wollte, ist offenbar gescheitert.“
„Wer ist Dercum?“
„Dercum ist ein Unterhändler des Reichsgrafen Friedrich Ferdinand von der Leyen, der in Koblenz und Gondorf herrscht. Zugleich ist Dercum der Verwalter des Grafen in dessen Herrschaft Adendorf.“
„Adendorf? Wo liegt denn das? Davon habe ich noch nie gehört..“
„Das glaube ich dir gerne; aber ich denke, das wird sich bald ändern, denn ich möchte dir vorschlagen, dass Adendorf deine zukünftige Heimat wird.“
Von der Tür hörte man ein Poltern und kurz darauf führte Anna Maria ihren Bruder Peter Menningen herein, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Wilmar etwas außerhalb von Höhr eine kleine Töpferei betrieb.
„Du kommst gerade richtig, Peter!“, begrüßte Gerhards seinen Schwager. „Hannes hat mir gerade berichtet, dass Thorwald ein paar Raufgesellen hinter Dercum hergeschickt hat. Der Amtmann scheint ihnen aber entkommen zu sein.“
„Dann wird der Vertrag hoffentlich bald in den Händen des Reichsgrafen liegen.“
„Ja, das will ich hoffen.“
„Kann mir einer sagen, worum es überhaupt geht?“, fragte Johannes ein wenig ärgerlich. „Und was soll ich in Adendorf? Wie weit ist das weg? Denn schließlich muss ich jeden morgen um sechs pünktlich in der Eulerei Thorwald sein.“
„Das wirst du nicht schaffen, denn bis Adendorf sind es mehrere Tagesreisen.“
Jetzt war Johannes erst einmal eine Weile sprachlos und nahm einen großen Schluck von dem Bier, das Anna Maria den drei Männern gebracht hatte.
„Dein Bruder und ich haben gestern einen wichtigen Vertrag unterschrieben“, ergriff Peter Menningen das Wort. „Wir werden schon bald mit unseren Familien ins Rheinland nach Adendorf übersiedeln und dort unsere eigenen Töpfereien gründen. In dem Vertrag werden uns Plätze zugewiesen, an denen wir unsere Kannöfen bauen können.“
„Das werden die Zünfte in Adendorf niemals erlauben.“
„Dort gibt es keine Töpferzunft. Nur den Grafen und seinen Verwalter. Und mit dem haben wir alles geregelt. Sogar Ton gibt es dort, gleich unterhalb des Dorfes und in dem benachbarten Wald.“
„Ihr wollt den Westerwald verlassen? Für immer?“ Johannes konnte es noch immer nicht fassen.
„Ach, Hannes!“, schaltete sich sein Bruder ein. „Was kann uns hier schon halten? Die Winde von den Hügeln sind rau, und von den Zünften weht es uns ebenfalls eiskalt entgegen. Solange wir in Baumbach bleiben, werde ich nie eine eigene Töpferei haben, und ich denke nicht zuletzt auch an deine Zukunft. Im Kannenbäckerland treten sich die Euler fast schon gegenseitig auf die Füße, im Rheinland hingegen ist das Töpferwandwerk – wie Dercum sich ausdrückte – noch ziemlich unterentwickelt.“
„Aber kriegen wir denn dort so guten Ton, wie aus den Höhrer Löchern und den Gruben auf der Haide?“
Wortlos ging Gerhards an den Schrank und wickelte aus einem Bogen Papier einen fast weißen Klumpen.
„Das ist wirklich gute Ääd“, staunte Johannes. „Viel besser als das Zeug, auf dem ich den ganzen Tag herumhämmern muss.“
„Das kriegen wir natürlich nicht angeliefert, sondern wir müssen es selber abbauen. Aber es ist weniger mühsam als in den Höhrer Löchern. Der Ton liegt unmittelbar unter der Erde und kann im Tagebau gewonnen werden. Das hat – ich muss es ehrlich gestehen – bei mir den Ausschlag gegeben, den Vertrag zu unterzeichnen.“
Johannes wusste, dass Peter über den tragischen Tod seines Vaters nie hinweggekommen war. Ihm ging es nicht anders. Unbewusst hatte er schon immer einen großen Bogen um die Glockengruben gemacht.
„Und wer wird alles mitkommen? Und wann geht es los?“ Hannes war plötzlich in Aufbruchstimmung.
„Das heißt, du bist dabei?“
„Na klar! Ich kann euch doch nicht alleine zu den wilden Rheinländern lassen.“
„Das freut uns. Dann sind wir ja mindestens zu sechst. Peters Bruder Wilmar mit seiner Hiltrud kommt nämlich auch mit.“
„Und du meinst, wir können uns so einfach heimlich aus dem Staube machen?“
„Nein, so heimlich wird es nicht gehen. Peter wird seine Töpferscheibe mitnehmen, und die kann man nicht so leicht in der Manteltasche verstecken. Wir werden ganz offiziell ausreisen, mit den erforderlichen Papieren und der Erlaubnis unseres Landesherrn, des Kurfürsten von Trier. Du musst dich also noch ein wenig gedulden.“
„Mann! Lass das bloß nicht den Thorwald wissen. Dieser Geizhals und seine Kumpanen von der Zunft werden uns nicht ziehen lassen.“
„Die wissen es schon, Peter. Der Besuch von Dercum war nicht geheim zu halten. Schließlich hat der Amtmann auch mit anderen Töpfern gesprochen, um sie zur Übersiedlung zu bewegen. Immerhin hat es gereicht, dass Thorwald ihm diese Spitzbuben auf den Hals geschickt hat.“
„Eigentlich müssten die Kannenbäcker im Westerwald froh sein, wenn möglichst viele von ihnen das Land verlassen. Der Kampf um Pfründe und Rohstoffe ist ja nicht mehr zu ertragen und drückt die Preise in den Keller.“
„Aber die ganz oben schöpfen den Rahm ab. Sie verweigern uns den Meisterbrief, damit wir ihnen als billige Arbeitskräfte erhalten bleiben. Die haben kein Interesse daran, dass wir auswandern.“
„Auswandern ...“, Anna hatte sich zu den Männern gesetzt. „Auswandern aus einer Heimat, die wir uns mühsam geschaffen haben. Wisst ihr noch, dass auch unsere Vorfahren einst ausgewandert sind aus ihrer Heimat in Siegburg und in Flandern. Soll das alles von vorne anfangen?“
„Alles zu seiner Zeit, liebe Frau. Unsere Ahnen werden ihre guten Gründe gehabt haben, so wie wir jetzt sorgfältig abgewogen haben. Ich verspreche mir vom Rheinland eine bessere Zukunft, als wir es hier angetroffen haben. Wir haben unser Handwerk von der Picke auf gelernt. Wir kennen uns in allen Arbeitsschritten aus vom Zubereiten der Masse bis zum Brennen des Ofens. Ich bin überzeugt, wir werden es schaffen. Und wenn wir einmal Fuß gefasst haben, werden andere Töpfer nachkommen. Der Johann Willems aus Ransbach ist sehr interessiert und mit seinem Nachbarn Wilmar Gierts hat der Dercum auch gesprochen. Die Bangebux will erst abwarten, wie es uns in Adendorf ergangen ist. Und ich würde mich nicht wundern, wenn der junge Corzelius auch eines Tages in Adendorf auf der Matte steht.“